Karin Jirku

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

  • 29.09.2012, 01:09

Jede fünfte Frau wird von ihrem Partner misshandelt. Das passiert nicht irgendwo, sondern bei uns in Österreich. Gewalt ist Alltag und hat viele Gesichter. Eine europäische Kampagne macht jährlich auf dieses Tabuthema aufmerksam.

Jede fünfte Frau wird von ihrem Partner misshandelt. Das passiert nicht irgendwo, sondern bei uns in Österreich. Gewalt ist Alltag und hat viele Gesichter. Eine europäische Kampagne macht jährlich auf dieses Tabuthema aufmerksam.

Wir trauern um Giuseppina Tolve“ steht in schwarzen Lettern auf der Website eines deutschen Frauenhauses geschrieben. Neben diesen Zeilen das Foto einer lachenden Frau Mitte Dreißig, in grünen Gummistiefeln und einer gestreiften Strickweste. Guiseppina war nach jahrelangem Gewaltmartyrium von ihrem Ehemann in ein Frauenhaus geflohen, hat dort mit ihren zwei Kindern Schutz gesucht und von einem Neubeginn geträumt. Vergeblich, denn Ende Oktober 2007 zerstörte ihr Mann diese Pläne. Er nahm ihr das Leben.
Dieses Frauenschicksal steht für zahlreiche andere. In Österreich wird jede fünfte bis zehnte Frau in einer Paarbeziehung misshandelt. Das sind bis zu 300.000 Frauen jährlich. Die Wiener Polizei schätzt, dass ein Viertel ihrer Einsätze wegen Gewalt innerhalb der Familie stattfinden. Das sind rund einhundert Interventionen täglich.

„Ich bring’ dich um, wenn du mich verlässt!“ Gewalt an Frauen hat viele Gesichter. Es können Beschimpfungen und Bloßstellungen sein, die Frauen erdulden. Schläge und Drohungen, die sie über sich ergehen lassen. Frauen werden zu sexuellen Handlungen gezwungen oder vergewaltigt. Der Partner kann sie von der Außenwelt isolieren oder sie aber ständig beschatten. Die soziale Schicht spielt bei Gewalt keine Rolle: Eine erfolgreiche Karrierefrau kann ebenso wie eine Kassiererin, eine Dame aus gutem Hause genauso wie die erst seit kurzem in Österreich lebende Migrantin betroffen sein.

Gewaltmonopol Staat. „Wir leben in keiner gewaltfreien Kultur, unsere Gesellschaft ist gewaltfördernd“, prangert die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Beate Wimmer-Puchinger die Struktur unserer patriarchalen Gesellschaft an. Die Position der Frau in ihrem sozialen Umfeld spielt eine wesentliche Rolle in der Gewaltentwicklung innerhalb der Familie. Gemeinsam mit der Psychotherapeutin Marianne Springer-Kremser und weiteren Expertinnen hat Wimmer-Puchinger vor wenigen Jahren die Gender-Ringvorlesung „Gewalt im Lebenszyklus der Frau“ am Wiener AKH ins Leben gerufen. Denn die „Folgen von Gewalt machen krank. Das können Depressionen sein, und vor allem Schuld- und Schamgefühle bei Frauen, die Opfer sind“, so Springer-Kremser. Bis sich Frauen dazu entschließen, in einem Frauenhaus Hilfe zu suchen, vergehen oft Jahre. Oder es ist zu spät.

Fluchtstätte Frauenhaus. Rund 1600 Frauen, die von ihren Partnern misshandelt wurden, suchten im Jahr 2006 Schutz in einem Frauenhaus. Im Verein „Autonome Österreichische Frauenhäuser“ sind 25 Einrichtungen vernetzt. Frauenhäuser bieten mehr als nur ein Dach über den Kopf. Sie sind Zufluchtstätten für Frauen und ihre Kinder in Krisensituationen. Hier finden die Opfer Ruhe von der alltäglichen Gewalt und können ohne Druck überlegen, was weiter geschehen soll. Ob sich die Frau vom gewalttätigen Mann trennen möchte oder nicht, obliegt ihr selbst. Das „durchschnittliche Opfer“ von häuslicher Gewalt ist verheiratet, zwischen 20 und 40 Jahren alt und hat einen Pflichtschulabschluss. Der Misshandler ist meist der Ehemann. Manche Frauen verbringen nur ein oder zwei Tage im Frauenhaus, andere bleiben bis nach der Scheidung.

16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, startete die Europakampagne „16 Tage gegen Gewalt“, die weltweit begangen wird und bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, andauert. Verschiedene Fraueneinrichtungen werden in Form von Veranstaltungen auf die Bedrohung der Frau durch männliche Gewalt aufmerksam machen. Es werden Workshops zu Themen wie „Sicher unterwegs“ und Selbstverteidigungskurse angeboten.
„Gewalt gegen Frauen ist kein Kavaliersdelikt und darf niemals toleriert werden. Gewalt dient dazu Macht und Kontrolle über Frauen auszuüben und äußert sich in ungleichen Machtverhältnissen und Lebenschancen“, betont die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger die wichtige Intention des Projekts.

Karin Jirku studiert Soziologie in Wien und Journalismus an der Fachhochschule Wien.

Der Veranstaltungskalender ist online unter http://www.aoef.at/tage/kalenderframe.htm abrufbar.

Die Nazi-Riesen

  • 13.07.2012, 18:18

Einst von Zwangsarbeitern für die Nazi-HerrscherInnen erbaut, sind die drei Flakturmpaare in Wien mittlerweile fast schon zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Eine historische Reportage.

Einst von Zwangsarbeitern für die Nazi-HerrscherInnen erbaut, sind die drei Flakturmpaare in Wien mittlerweile fast schon zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden. Eine historische Reportage.

Zu Tausend standen sie bereits in den frühen Morgenstunden mit Sack und Pack im Augarten. Mütter mit schreienden Neugeborenen und quengelnden Kleinkindern an der Hand, beinamputierte Wehrmachtssoldaten, Alte auf Stöcke gestützt, die wenigen Habseligkeiten in einem kleinen Koffer verstaut. Zwischen all den Menschen wartete auch die fünfjährige Hertha Bernhart. Täglich drängte sie sich gemeinsam mit ihrer Mutter zum Flakturm durch, in der Hoffnung, eingelassen zu werden. Ein Flakturm ist ein Hochbunker, der gleichzeitig auch als Plattform für Flugabwehrkanonen (Flak) und deren Feuerleitanlage genutzt werden konnte. Ging der Bombenalarm erst los, dann war es meist schon zu spät. „Dann wurde es unglaublich hektisch“, erzählt die heute 70-jährige Hertha Bernhart. Die Menschen schubsten sich, stolperten übereinander, schimpften und weinten. Für wen es keinen Platz mehr gab, der musste draußen bleiben. Die Luftwarte wurde durch die eisernen Eingangstüren versperrt und die verzweifelten Menschen streuten unter tosendem Geheul der Sirenen auseinander. Doch woanders konnte Hertha mit ihrer Mutter nicht hin. Der feuchte Waschkeller ihres Wohnhauses in der Jägerstraße in Brigittenau war nicht sicher. Würde das Haus von einer Bombe getroffen werden, bedeutete dieser Unterschlupf ihr lebendiges Grab. Also hieß es Anstehen vor dem Flakturm. Zum Missfallen der älteren Menschen wurden Mütter mit Kindern bevorzugt eingelassen.

Macht aus Beton. Der Luftkrieg gegen Wien begann im Sommer 1943. In diesem Jahr zählte Wien acht Luftalarme, 1945 waren es bereits 51. Vielen Wienerinnen und Wienern sind vor allem die Nachtangriffe der Alliierten in Erinnerung geblieben, doch die Stadt wurde meist in den Vormittags- oder Mittagsstunden bombardiert. Um gegen die schweren Geschütze der US-Air-Force etwas ausrichten zu können, erfand das Deutsche Reich kurzerhand die Flaktürme – regelrechte Betonriesen, die die Stärke des Deutschen Reichs demonstrieren sollten. Es wurden Luftschutzräume in die Höhe statt in die Tiefe gebaut. Verstecken wollten sich die Nazis nicht.
Im gesamten Reich wurden acht Flakturmpaare errichtet, fünf davon in Berlin und Hamburg. Ein Paar bestand jeweils aus einem Leitturm und einem Gefechtsturm. Um die Jahreswende 1942/43 wurde mit dem Bau der Wiener Flaktürme begonnen. Zuerst im dritten Bezirk am Arenbergpark, danach im Esterhazypark und erst im Winter 1944/45 bauten Kriegsgefangene und ZwangsarbeiterInnen die modernste Variante der zwei Türme im Augarten. Sie sollten den Angriff der Alliierten erschweren und zeitgleich als Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung dienen. Die BewohnerInnen rund um den Augarten waren über den Bau der Türme zuerst erfreut – „auch wenn wir sie unglaublich hässlich fanden“, erinnert sich Hertha Bernhart. Die Leute wähnten sich in Sicherheit und dachten, die Amerikaner und Russen würden sich nicht trauen, die massiven Flaktürme zu bombardieren. „Doch dann wurde das erste Haus in der oberen Donaustraße getroffen und wir wussten, dass wir nirgendwo mehr sicher waren.“ 

Keiner überlebte. Erst einmal im Flakturm drinnen, hieß es stundenlang dicht gedrängt stehen. „Es war stickig, heiß, es dröhnte. Die Kinder schrien und schwangere Frauen brachten zwischen all den Menschen ihre Kinder zur Welt, meistens viel zu früh. Es war schlimm und es nahm kein Ende“, erzählt Bernhart. Von den Gefechtstürmen wurde der Kampf gegen die schweren Bomber der US-Air-Force aktiv aufgenommen. In vier Geschütz-Stellungen wurden Zwillingsflak-Geschütze postiert. Das Erdgeschoß und die zwei darüberliegenden Stockwerke waren als Luftschutzbunker vorgesehen. 15.000 bis 40.000 Menschen konnten in einem Flakturm Platz finden. Es gab einen eigenen Brunnen, Trinkwasseranlagen, Belüftungseinrichtungen und Kraftwerke für die Stromversorgung. Für die normale Bevölkerung und das Flakturmpersonal sowie die Wehrmachtssoldaten gab es getrennte Eingänge, Stiegenhäuser und Aufzüge. Auch Verwundete hatten einen eigenen Einlass. Bald hatte Hertha Bernharts Muttera ber genug von der täglichen Tortur. „Meine Mutter konnte sich nur schwer von der Wohnung lösen. All die Erinnerung an meinen Vater war ja hier, aber wir zogen dann zu Bekannten nach Klosterneuburg. Dawar es ruhig er.“ Wenige Tage nach  dem Umzug wurde ihr Wohnhaus in der Jägerstraße von einer Bombe getroffen. Alle, die sich im Keller sicher glaubten, wurden verschüttet. KeineR überlebte. 

Dunkelheit. Denkt Hertha Bernhart heute an die Kriegsjahre, dann kommen ihr vor allem die Entbehrungen in den Sinn. „Es gab nur wenig zu essen und es war sehr kalt, es gab ja keine Heizung. Wir mussten die Fenster unserer Wohnung verdunkeln, sobald der Alarm losging. Eigentlich war es immer dunkel“, erinnert sich Hertha Bernhart an ihre frühen Kindheitsjahre. Sie lebte alleine mit ihrer Mutter in der kleinen Wohnung, die Glühbirnen in den Stiegenhäusern waren schwarz bemalt und lediglich ein Punkt war freigekratzt, um die Stufen zu beleuchten. Um nachts auf den Straßen gesehen zu werden, mussten Knöpfe mit phosphorizierendem Licht getragen werden. Als Schutz vor Feuer waren die Hausparteien verpflichtet, Wasserkübel und Sand am Dachboden zu lagern. Berühmt-berüchtigt war die Feuerpatsche, ein alter Besen mit nassen Fetzen umwickelt. Bei Flächenbränden nutzten diese primitiven Vorkehrungen aber nichts. Am 12. März 1945 erfolgte der wohl schwerste Angriff auf Wien. Über 700 Bomber bombardierten eineinhalb Stunden lang die Stadt. Das Ziel war eine Ölraffinerie in Floridsdorf, getroffen wurden aber auch die Staatsoper, das Burgtheater, die Albertina und der Messepalast. 8.769 Wienerinnen und Wiener starben im „Kampf um Wien“, rund 30 Prozent der Gebäude wurden zerstört.
Noch heute ragt der 55 Meter hohe Gefechtsturm „Peter“ im Augarten empor. Ein paar Meter weiter der etwas kleinere und schmalere Leitturm, zwei Betonklötze mitten in einem belebten Park, rundherum zahlreiche Wohnhäuser. Die sind auch der Grund, weshalb eine Sprengung der Flaktürme nach Kriegsende nicht erfolgen konnte. Anders als in Deutschland, wurden die Türme in Wien innerhalb des Wohngebiets errichtet. Würde man die Türme detonieren, so würden die umliegenden Häuser ebenfalls einstürzen. Also ließ man die Türme stehen. Tauben nisteten sich in die Betonburgen ein. Eine mehrere Meter dicke Schicht aus Taubenkot und eine beträchtliche Zahl an Taubenkadavern beherrschen nun das Innenleben der einst mächtigen Nazi-Wahrzeichen.